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Archäologische Forschungen im Land der Moabiter

Biblische Ausgrabungen

Nach biblischem Bericht wird dem moabitischen Volk ein inzestuöser Ursprung zugeschrieben: Lot, der mit seinen beiden Töchtern den Untergang Sodoms überlebt, wird von diesen betrunken gemacht; sie schlafen mit ihm und werden schwanger.

Aus dieser Verbindung entstammen die beiden Söhne Moab und Ben-Ammi (aus dem die Ammoniter erwachsen; vgl. 1. Mose 19,30-38).

Die Moabiter bewohnten das Gebiet östlich des Jordan, das Land zwischen dem Toten Meer im Westen und der Syro-arabischen Wüste im Osten. Im Süden bildete der Bach Zered (das moderne Wadi al-Hesa) die Grenze zu Edom; im Norden wurde das Kernland Moabs (die zentrale Moabitis) durch den Arnon (das moderne Wadi al-Mujeb) begrenzt. In den verschiedenen Jahrhunderten des 1. Jahrtausends v. Chr. konnten die Moabiter ihr Gebiet immer wieder deutlich nach Norden ausdehnen.

Sehr früh schon kam das Volk Israel in Kontakt mit den Moabitern, meist in Form feindlicher Auseinandersetzungen. Unter König David wurde das Moabiterreich den Israeliten tributpflichtig (2. Samuel 8,2). Nach zwei Jahrhunderten wechselvoller Geschichte gelang es dem moabitischen König Mescha, das von Israel okkupierte Gebiet nördlich des Arnon wieder dem Kernland von Moab anzugliedern (um 845 v. Chr.; vgl. 2. Könige 3). Das Moab-Orakel in Jeremia 48 spricht von einem „stolzen, hoffärtigen, hochmütigen, trotzigen und übermütigen“ Moab (48, 29). Dies deutet darauf hin, dass Moab zu dieser Phase ein starkes Königtum war.

Während andere Teile Palästinas systematisch kartographiert und archäologisch erforscht wurden, betraten nur die Mutigsten diese unwirtliche Gegend östlich des Toten Meeres. Der erste westliche Reisende war U. Seetzen im Jahre 1806. Er wurde am Rand des Arnon/Wadi al-Mujeb von Beduinen gefangen genommen und erst gegen Zahlung eines Lösegeldes wieder freigegeben. Mit der systematischen Oberflächenuntersuchung in den 30er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts durch Nelson Glueck und Max Miller wurde das antike Moab in den Fokus der archäologischen Forschung gerückt. Erste Grabungen wurden durchgeführt.

Das ausgedehnte Basaltfeld der antiken Siedlungsstätte al-Balua ist mit einer Größe von ca. 800 m in Ost/West-Ausdehnung und 300 m Nord/Süd-Ausdehnung eine der größten Stadtanlagen auf dem zentral-moabitischen Plateau. Unter Umständen kann al-Balua mit dem biblischen Ort Ar identifiziert werden. In 4. Mose 21,14f. wird die Lage von Ar, eine der bedeutenden moabitischen Städte, beschrieben: „Daher heißt es in dem Buch von den Kriegen des HERRN: »Das Waheb in Sufa und die Bäche am Arnon und den Abhang der Bäche, der sich hinzieht zur Stadt Ar und sich lehnt an die Grenze Moabs«“. Diese Beschreibung passt genau auf die Lage von al-Balua zu! Nach Norden und Westen wird die Siedlung durch das steil abfallende Wadi al-Balua natürlich begrenzt, das sich in einem weiten Bogen nach Norden zieht und schließlich in den Arnon mündet.

Aufmerksam wurden die Forscher auf al-Balua, als dort 1930 die so genannte „Balua-Stele“ entdeckt wurde. Die ca. 170 cm hohe und 70 cm breite Stele mit einem unregelmäßig geformten konischen oberen Abschluss, hat auf ihrem oberen Drittel eine vierzeilige Inschrift eingemeißelt. Leider erlaubt der verwitterte Zustand der Inschrift keine Interpretation. Die zwei verbleibenden Drittel werden durch ein Flachrelief ausgefüllt, das drei Personen darstellt und an eine „Einführungsszenen“ erinnert: eine niedere ägyptische Gottheit führt einen moabitischen Herrscher einer höher gestellten Gottheit zu. Dieser und andere Funde sowie die Größe und Lage der Stadt am nördlichen Rand des zentral-moabitischen Plateaus lassen darauf schließen, dass es sich bei al-Balua um eine der Residenzstädte des moabitischen Königs handelt.

Ein umfangreicher Survey zu Beginn der Grabungen verdeutlichte, dass die jüngsten Siedlungsreste im Südwesten der Anlage von al-Balua zu verorten sind. Ausgedehnte Mauerreste lassen dort eine größere mamlukische Siedlung (13.-15. Jahrhundert n. Chr.) vermuten. Die ältesten Siedlungsspuren werden im Westteil der Anlage um die zentrale Palastburg vermutet. Keramikfunde an der Oberfläche weisen in die Früh- (3. Jahrtausend v. Chr.) und Mittel-Bronzezeit (2000-1550 v. Chr.). Darüber hinaus lassen sich über die ganze Anlage verstreut eisenzeitliche Siedlungsspuren (1200-500 v. Chr.) nachweisen.

Die nördlich gelegene Befestigungsanlage besteht aus einer Kasemattenmauer mit einer Breite von fast 7 m. Es ist zu vermuten, dass die gesamte Anlage von einer solchen Mauer umgeben war; an vielen Stellen ist die Umfassungsmauer nicht mehr nachweisbar, da sie – vor allem im südlichen Bereich – von den mamlukischen Bauherren als Steinbruch genutzt wurde bzw. durch moderne Feldarbeit zerstört wurde.

Bereits bei den ersten Grabungen 1986 entdeckten die Archäologen ein Basaltfragment mit einer Inschrift; der Verwendungszweck ist nicht eindeutig – die Form lässt auf einen Türangelstein schließen. Auf dem äußeren Rand des Fragments lassen sich vier Buchstaben eindeutig identifizieren: t-mlk (die letzten drei Buchstaben bilden somit das Wort „König“; eine weiterer Hinweis für die Bedeutung der Stadtanlage). Paläografische Vergleiche mit anderen semitischen Inschriften datieren diesen Fund in das 8. Jahrhundert v. Chr.

Westlich der früh-eisenzeitlichen Palastburg wurde ein großer Teil einer Hausanlage freigelegt. Von einem Hof konnte man über eine Stufe in die Küche gelangen. Von dort führte ein weiterer Durchgang in angrenzende Wohnräume. Im Bereich der Schwelle zur Küche wurden drei Figurinen entdeckt, die als Gründungsopfer interpretiert werden können. Bei der gut erhaltenen weiblichen Figur handelt es sich um eine Pfeilerfigurine von 12 cm Höhe. Der leicht angehobene und nach rechts geneigte Kopf trägt einen Schleier, der fast bis zum Boden reicht. Die zu Zöpfen geflochtenen Haare enthalten Verzierungen, die wohl das Tragen von Schmuck andeuten sollen. Die verschränkten Arme halten einen scheibenartigen Gegenstand vor der bekleideten Brust. Der Fundort dieser Figur im Kontext der Küche lässt vermuten, dass der runde Gegenstand einen Brotfladen oder Kuchen darstellen soll. Das erinnert an Jeremia 7,18: „Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen, und fremden Göttern spenden sie Trankopfer mir zum Verdruss“.

Im Sommer 2008 wurde östlich der Palastburg ein neues Areal geöffnet. Keramikfunde aus Raubgrabungen hatten vermuten lassen, dass in diesem Bereich nabatäisch-römische Siedlungsspuren zu finden sind. Sehr schnell stießen die Ausgräber auf die charakteristische dünnwandige nabatäische Keramik. Der weitere Verlauf der Grabung machte deutlich, dass man auf einen großen Altar gestoßen war, der in verschiedenen Phasen erweitert worden war. Der ursprüngliche Altar hatte eine quadratische Form mit jeweils 3,20 m Seitenlänge. Dieser Altar wurde dann auf eine Seitenlänge von 5,20 m erweitert. Die Höhe des Altars kann auf ca. 2 m geschätzt werden. An der nördlichen Seite des Altars wurde eine Treppe angelegt, über deren Stufen man auf die Altarplattform steigen konnte. An der westlichen Seite des Altars wurde eine Art Podium errichtet, auf dem die Archäologen die Reste einer Statue bergen konnten. Leider ist die Statue zerstört worden. Lediglich die Basis mit den Füßen ist übrig geblieben. In diesem Podium wurde ein Basaltfragement verbaut das auf seiner Oberfläche ein Relief zeigt, das in seiner Form an ein Volut-Kapitell erinnert. Der Altar steht ca. 10 m östlich des Eingangs der Palastburg. Dies könnte darauf hindeuten, dass dieser gewaltige Bau in der nabatäisch-römischen Epoche als Tempel gedient hat. Dafür spricht auch, dass der Platz um den Altar abgegrenzt wurde (Temenos/Vorhof).

Die Grabungen in al-Balua werden vom Institut für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Theologischen Hochschule Friedensau unter der Leitung von Friedbert Ninow durchgeführt. Die nächste Kampagne ist für den Sommer 2010 geplant.

Friedbert Ninow

 

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