Idee
Die Idee ist, Geschichten von Gott und den Menschen in einer besonderen, dem biblischen Kontext angemessenen Umgebung weiterzuerzählen. Vermittelt werden soll dabei nicht nur die religiöse, sondern auch die kulturelle Bedeutung der Bibel. Außerdem sollen nicht wieder die Hauptamtlichen eine Idee verwirklichen, sondern der Kreis ehrenamtlich Mitarbeitender soll mit einer solchen Aktion erweitert werden.
Konzept
Folgende Kriterien waren die Grundlage für das Projekt:
- Mit dem Zentralen der christlichen Gemeinde, nämlich der biblischen Botschaft, sollen Menschen angesprochen und begeistert werden.
- Dies muss so geschehen, dass das Angebot über die Kerngemeinde hinausreicht, auch was den Kreis der Mitarbeitenden betrifft.
- Die Gewinnung neuer Mitarbeitender, gerade vom „Rand der Gemeinde“, ist nicht nur ein Nebeneffekt, sondern ein Ziel.
- Den Mitarbeitenden selbst werden Inhalte geboten: Eine intensive Auseinandersetzung mit biblischen Texten wird gefördert.
- Es soll kein Angebot nur für eine Zielgruppe sein, sondern etwas, das sowohl Kinder als auch Erwachsene begeistern kann.
Das Bibel-Erzähl-Café erfüllt diese Kriterien. Damit es funktioniert, ist es wichtig, keine „mediale Reizüberflutungsschlacht“ zu führen, sondern ein lokales Angebot für die Menschen am Ort mit Menschen aus dem Ort zu machen. Vergleichsmaßstab ist nicht eine Fernsehshow oder ein Profi-Theater, sondern durch das Mittel des Erzählens (von biblischen Geschichten) soll das Zueinanderfinden und das Gefühl einer die Generationen überschreitenden Gemeinde vermittelt werden. Es soll gezeigt werden: Jede und jeder kann mit einiger Vorbereitung Geschichten erzählen – frei und spannend.
Erfahrungen aus Heringen (Werra)
Projektidee und -erfahrung
Evang.-reformierte Kirchengemeinde
Lengerser Rain 2
36266 Heringen (Werra)
Koordination des Projekts:
Meike Waap
Telefon: +49 6624 918892.
Planung und Organisation
Mehrere Personen wurden persönlich von den beiden Initiatorinnen angesprochen, ob sie bei einem Bibel-Erzähl-Café mitmachen würden. Bei den Angesprochenen handelte es sich sowohl um Leute aus der Kerngemeinde als auch um solche, die über freundschaftliche Kontakte interessiert werden konnten. Diejenigen, die dann mitmachten, waren zwischen 15 und 61 Jahre alt und aus unterschiedlichen Berufen. Viele sagten spontan ihre Mitarbeit zu; es waren schließlich 15 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Knapp vier Monate vor dem ersten Termin für ein Bibel-Erzähl-Cafe traf sich die Gruppe erstmals. Die bis dahin noch nicht detailliert ausgearbeitete Idee wurde genauer erörtert und eine Ideensammlung zur Erarbeitung eines Konzepts erstellt. Viele Fragen mussten geklärt werden, z.B.:
- Wie gestaltet sich der zeitliche Rahmen, an welchem Tag wird es veranstaltet?
- In welchen Erzähl-Intervallen werden die biblischen Geschichten vorgetragen; wie lang sind die Pausen?
- Für welches Alter werden welche Geschichten erzählt? Geschieht die parallel oder zu unterschiedlichen Zeiten?
- Wie wird das Gemeindehaus räumlich aufgeteilt und gestaltet; wie wird dekoriert?
- Wie sieht die Bewirtung / Verpflegung aus?
- Gibt es eine musikalische Umrahmung; welcher Musikstil?
- Wer erzählt welche Bibelgeschichten? Aufteilung der Interessen und Themen.
- Wie wird eingeladen?
Einige dieser Fragen konnten schon sofort geklärt werden. Für die Klärung der anderen Fragen wurden drei Gruppen eingeteilt: Die Gruppe „Ambiente und Verpflegung“ bestand aus sieben Personen, „Erzählen“ waren elf Personen und die Gruppe „Öffentlichkeitsarbeit“ setzte sich aus drei Personen zusammen.
Fazit war, dass im Bibel-Erzähl-Café zunächst alttestamentliche Geschichten in einer orientalisch geprägten Atmosphäre erzählt werden sollten. Der Erzählraum sollte vom Caféraum getrennt werden, um sich ganz und gar auf die Erzählungen und die Erzähler konzentrieren zu können.
Es ergab sich als zeitliche Aufteilung: Die Geschichten werden nachmittags von 15 bis 18 Uhr für Groß und Klein erzählt. Insbesondere Kinder sollten hier zuhören können, so dass „jugendfreie Geschichten“ aus dem AT ausgewählt wurden. Abends von 20 Uhr bis 22 Uhr sind die Geschichten nur für erwachsene Ohren bestimmt. Die biblischen Geschichten werden im Abstand von 30 Minuten erzählt, eine Erzählung dauert ca. 10 Minuten, dazwischen ist Zeit zum Gespräch über das Gehörte.
Ambiente und Verpflegung
Ein wichtiger Beitrag für das Ambiente war das Bemalen einer etwa 9 x 3,5 Meter großen Wand im Gemeindehaus für den Erzählraum. Zwei künstlerisch begabte Männer wurden von der Vorbereitungsgruppe angesprochen, den Raum im Gemeindehaus auszumalen. Sie schufen dort eine riesige Wüstenlandschaft mit Oase und tiefblauem Himmel. Vor dieser Wand wurde dann ein Beduinenzelt errichtet, ein Lagerfeuer aufgebaut und die Erzählbank mit Fellen und orientalischem Flair gestaltet. Die Faltwände an der anderen Seite des Raums wurden mit dem Schriftzug BIBEL-ERZÄHL-CAFE in Großbuchstaben ansprechend gestaltet. Für die Wanddekoration im Caféraum wurde aus Tonkarton jeweils ein Symbol oder eine Person passend zu der biblischen Geschichte ausgeschnitten und gestaltet (als Zeichen für die Geschichte von Simson gab es z. B. einen Löwen). Neben dem Symbol hing ein Plakat, auf dem die jeweilige biblische Geschichte, Uhrzeit der Erzählung sowie der Name des Erzählers zu lesen war. Die einzelne Erzählung wurde durch einen Gong angekündigt.
Eine Ideensammlung zum Schmecken war das Probeessen für die Verpflegung. Jedes Mitglied, das ein Rezept mit orientalischem Charakter kannte, brachte das Gebackene mit. Als wohlschmeckend und für den Anlass gut befunden wurden folgende Rezepte:
- Blätterteigtaschen, wahlweise mit Hackfleisch oder Käse gefüllt und Blätterteigschnecken, natürlich orientalisch gewürzt
- Käseplätzchen mit Kümmel oder Pistazien oder Mohn oder Sesam
- orientalisches Brandteiggebäck
- Dattelkuchen
- Bibelkuchen
Diese Speisen wurden im Caféraum als Buffet angeboten. Das Buffet war ebenfalls orientalisch geschmückt. Die Tische wurden als Gruppentische für je acht Personen gestellt und mit frischen Palmenzweigen, langen Zimtstangen, getrockneten Orangenscheiben und großen Stumpenkerzen dekoriert. Auf jedem Tisch wurden verschiedene Bibelausgaben zur Ansicht und zum Nachlesen ausgelegt – eine kleine Bibelausstellung. Außerdem wurde im Caféraum eine Kinderecke eingerichtet, um die Kleinkinder wären des Cafés und der Erzählungen beschäftigen zu können.
Erzählen
Am Beispiel der Geschichte von Zachäus wurde in der Vorbereitungsgruppe „Erzählen“ geübt, wie man sich selbständig auf das Erzählen einer biblischen Geschichte vorbereiten kann. Außerdem bekam jedes Mitglied Literatur zum Erzählen biblischer Geschichten sowie eine Liste mit alttestamentlichen Bibelstellen zum Aussuchen seiner Geschichte mit nach Hause. Hatte es sich eine ausgesucht, so erhielt das Mitglied weiteres Material und das Angebot, Gespräche mit den Pfarrern über den Text und die Gestaltung zu führen.
Zur Vorbereitungsphase gehörte auch, zwei Wochen vor dem Bibel-Erzähl-Café, das selbständige Erzählen im Kreis der anderen Erzähler. Jedes Mitglied bekam so Rückmeldung darüber, wie die vorbereitete Erzählung auf die Zuhörer wirkte. Die zwei Wochen bis zum Bibel-Erzähl-Café standen dann unter der Aufgabe des „Feinschliffs“ der Erzählungen. Erzählt wurden im Bibel-Erzähl-Café folgende Geschichten:
Am Nachmittag:
- Die Schöpfung (Gen/1 Mose 1,1-25)
- Der Sündenfall (Gen/1 Mose 3, 1-7)
- Die Sintflut (Gen/1 Mose 6,5-9,17)
- Der Turmbau zu Babel (Gen/1 Mose 11,1-9)
- Jakob (Gen/1 Mose 25,24 – 33,23)
- Jona (Jona 1–4)
- David und Goliath (1 Sam 17,31-54).
Am Abend:
- Rut (Rut 1-4)
- Salomos Urteil (1 Kön 3,16-28)
- Simson (Ri 14,1–16,30)
Insbesondere die unterschiedlichen Erzählperspektiven waren für die Faszination der Erzählungen ausschlaggebend: Zum Beispiel erzählte eine Eule über den Sündenfall oder (am Abend) der Zuhälter Schlomo über die Weisheit Salomos.
Öffentlichkeitsarbeit
Für die Öffentlichkeitsarbeit wurde ausgiebig plakatiert in den Geschäften am Ort. Auch Handzettel wurden verteilt, häufig persönlich weitergegeben. In zwei Ausgaben des Gemeindebriefs wurde das Projekt vorgestellt und detailliert angekündigt. In der Lokalpresse wurde an exponierter Stelle (mit Bild) auf die besondere Veranstaltung hingewiesen. Besonders wichtig war aber die Mund-zu-Mund-Propaganda, die insbesondere über die Mitarbeitenden lief. Viele von deren Bekannten und Verwandten wollten sich ihre Erzählungen nicht entgehen lassen.
Materieller Aufwand
Die Kosten für die Wandbemalung im Gemeindehaus wurden von einem Malerbetrieb am Ort übernommen, der um Unterstützung gebeten worden war. Die für die Dekoration benötigten Grünpflanzen, Chiffonstoffe, Tonteller für die Kerzen, Zimtstangen, getrocknete Orangenschalen sowie weitere Deko-Gegenstände wurden vom ortsansässigen Blumengeschäft kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Inhaberin wurde als fachkundige Beraterin in das Dekorationsteam integriert. Für den Erzählraum konnte ein größerer Luftbefeuchter zwecks Duftverteilung (Duftöle) kostenlos ausgeliehen werden. Große und kleine Laternen wurden von den Mitarbeitern von zu Hause mitgebracht. Das Gebäck nach den vorgegebenen Rezepten wurde von Bürgerinnen gebacken und der Gemeinde geschenkt. Allein die Getränkekosten (Kaffee/ Tee/ Kakao/ Apfelsaft/ Wasser am Nachmittag und Apfelsaft/ Wasser/ Wein am Abend) wurden von der Kirchengemeinde getragen.
Ergebnis
Das Ergebnis des Bibel-Erzähl-Cafés in Heringen (Werra) ist vielfältig. Erstens haben die Mitarbeitenden selbst einen hohen Ertrag gehabt. Die intensive Auseinandersetzung mit den biblischen Texten hatte viele Gespräche über die Bibel zur Folge. Für die Mitarbeitenden ist die Bibel wieder ein Teil ihres Lebens geworden. Und die Freude an einer gelungenen Veranstaltung war allen anzusehen. Auch der Erfolg des eigenen freien Erzählens vor einer großen Gruppe ist kaum hoch genug zu veranschlagen. Manche ältere Besucher sagten, „also die kenn’ ich noch als schüchternes kleines Mädchen, aber wie die heute erzählt hat, das war großartig“.
Der angestrebte Effekt ist eingetreten, dass sich in der Gemeinde die Leute in der Verbindung von Alt und Jung wahrnehmen. Die liebevoll gestaltete Atmosphäre tat ihr übriges. Die Gäste waren begeistert. Die Besucherzahlen lagen so um die 100. Nicht alle konnten die volle Zeit bleiben, andere kamen erst abends, einige waren den ganzen Tag da. Für die Räumlichkeiten war die Besucherzahl gerade richtig!
Die beabsichtigte Anziehungskraft auf Menschen vom „Rand“ der Gemeinde wurde nur teilweise erreicht. Die meisten Besucher waren aus der so genannten Kerngemeinde; hinzu kamen Bekannte der Erzählenden und Mitarbeitenden. Gerade diese Menschen aber, die nicht zum Gemeindekern gehören, waren davon angetan, was ihre Freunde oder Angehörigen geleistet haben und welche Freude sie dabei hatten. Einige Besucher kamen aus anderen Gemeinden, weil sie über die Information in der Zeitung oder die Plakate neugierig gemacht worden waren.
Vom Kirchenvorstand und den Pfarrern ist solch ein Erfolg nicht erwartet worden und das Bibel-Erzähl-Café soll deshalb als Gemeindeveranstaltung unbedingt weitergeführt werden. Die Eigenständigkeit des Teams soll gewahrt bleiben und die Hauptamtlichen lediglich als Ratgeber und für eine kurze Begrüßung bereitstehen.






